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Assimilation ?
Autor: Tayfun23
Datum: 02-14-08 10:44


Assimilation (Soziologie)
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
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Assimilation bezeichnet in der Soziologie die Anpassung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen aneinander, wobei eine Unterscheidung von individueller Assimilation und der Assimilation von Gruppen für das Verständnis der Prozesse auf gesellschaftlicher Ebene grundlegend ist (vgl. Leibold 2006, 70-74). Empirisch steht die Anpassung einer Minderheit an die Mehrheit im Vordergrund. Assimilation kann auf kultureller (Übernahme von Sprache, Bräuchen und Sitten), struktureller (Platzierung auf dem Arbeitsmarkt, im Schulsystem u.ä.), sozialer (Kontakt zu Mitgliedern anderer Gruppen) und emotionaler Ebene (Identifikation mit den anderen Gruppen) erfolgen.

Umstritten ist, ob es sich beim Konzept der Assimilation um ein gezieltes "Aufzwingen" der Eigenschaften und Einstellungen der dominanten Gesellschaft ("Dominanzkultur") handelt oder ob Assimilation lediglich empirische Voraussetzung zur Erreichung gleicher Lebenschancen darstellt, ohne dass damit eine Wertung der Eigenschaften von Minderheiten verbunden wäre.

Üblicherweise wird mit der Assimilation von Einwanderern die Annahme der Sprache (bei gleichzeitiger Aufgabe ihrer eigenen) und der Gebräuche ihres Aufnahmelandes verbunden. So wird, z.B. in Bezug auf das 19. Jahrhundert, auch von einer Assimilation eines Teiles der Juden in die Mehrheitsgesellschaften ihrer Heimatländer gesprochen.
Zu diesem Thema antworten


Re: Assimilation ?
Autor: Woodstock
Datum: 02-14-08 11:10

Es ist doch völlig egal wie die Soziolgie das Zusammenleben verschiedener gesellschaftlicher Gruppen
bezeichnet.

Tatsache ist überall, dass die "Ureinwohner" keine Veranlassung sehen, sich den "Neubürgern"
anzupassen.
Zu diesem Thema antworten

Re: Assimilation ?
Autor: CrossBergBoy
Datum: 02-14-08 12:09

@Tayfun23

Es wäre besser, wenn du die Posts nur in eine Rubrik einstellen würdest.
Sonst zerbröselt das alles.
Zu diesem Thema antworten

Re: Assimilation ?
Autor: Tayfun23
Datum: 02-21-08 20:39

Das Trauma von Mölln

VON DENIZ YÜCEL (taz)

Haben Sie sich je gefragt, warum Fußballer, die aus der Jugend des SV Wanne-Eickel stammen, lieber
für die türkische als für die deutsche Nationalmannschaft spielen? Türkische Einwanderer so viel
Wert darauf legen, bei der Einbürgerung ihren alten Pass zu behalten? Es bei der Partnerwahl der
Deutschtürken und Deutschtürkinnen fast so strikt nach dem Prinzip equal but separate zugeht wie in
Hollywoodfilmen?
Eine von mehreren Antworten verweist auf jene Ereignisse, die der Brand in Ludwigshafen in
Erinnerung gerufen hat: Mölln und Solingen. Dass die Deutschtürken die neun Toten von Ludwigshafen
sofort damit in Verbindung gebracht haben, zeigt, wie tief sich die Morde vom November 1992 und Mai
1993 ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben haben. Besonders traumatisch waren diese Anschläge für
die erste hier aufgewachsene Generation von Einwandererkindern, meiner Generation. Mölln und
Solingen lehrten uns, dass wir bedroht waren. Dass man uns hier nicht wollte. Dass es überhaupt ein
Uns gab.

Zu Türken gestempelt

Für einen - um mit Feridun Zaimoglu zu sprechen - "Abiturtürken" wie mich war das keineswegs
selbstverständlich. Von meinen Eltern und meinen autonomen Freunden hatte ich gelernt, dass die
Grenzen nicht zwischen den Völkern verliefen, sondern zwischen oben und unten. Bei anderen war das
Lebensgefühl nicht derart in Welterklärungen eingebunden. Doch das Ergebnis war dasselbe: Wir sahen
uns vielleicht nicht als Deutsche, aber auch nicht als Türken und erst recht nicht als Fremde.
Plötzlich war das egal. Denn sie sahen uns als Türken.

Nun hatte ich auch vorher zu spüren bekommen, dass mich etwas von deutschen Freunden unterschied.
Etwa in der Grundschule. Anfang der Achtzigerjahre waren so manche Einwanderer mittendrin, ihre
Kinder nachzuholen. Die sozialdemokratische Landesregierung in Hessen richtete Kurse namens
"Deutsch für Ausländer" ein. Obwohl ich im regulären Deutschunterricht Klassenbester war, wurde
ich dazu verdonnert, dort Sätze wie "Ich heiße Ali" nachzusprechen. Aber wer tatsächlich
Sprachdefizite hatte, musste sich beeilen, andernfalls drohte die Abschiebung in die Sonderschule.
Irgendwann muss es sich bis zum Kultusministerium herumgesprochen haben, dass einige Griechenbengel
und Türkengören halbwegs fehlerfreie Diktate schreiben konnten. So wurde unsereins von "Deutsch für
Ausländer" befreit - und zum Kurs "Mathe für Ausländer" verpflichtet. Eine andere Episode ist
schneller erzählt: Als ich mit 16 eine Aufenthaltsberechtigung beantragte, forderte die
Ausländerbehörde ein amtsärztliches Gesundheitszeugnis, Kotprobe inklusive. Offenbar hatte ich nicht
einfach das Recht, dort zu leben, wo ich mein ganzes Leben verbracht hatte. Vielmehr hing dieses
Recht von der Beschaffenheit von Scheiße ab.

Solche Erfahrungen kratzten am Lebensgefühl. Aber um es zu erschüttern, bedurfte es mehr.

1988/89 zogen Rechtsextremisten in Landesparlamente ein. 1989, zum Fall der Mauer, tauchten in
unserer Nachbarschaft deutsche Fahnen auf, die sich bis zur Fußball-WM im Sommer rasch vermehrten.
"Das geht gegen uns", sagte meine Mutter. Tatsächlich kam es so, wie es mit ihr viele Einwanderer
befürchtet hatten: Im Sommer 1990 zettelte die CDU eine Kampagne gegen "Scheinasylanten" an, der
sich die meisten Medien, allen voran Bild und Spiegel, anschlossen. Die Neonazis, die in Hoyerswerda
oder Rostock nahezu unbehelligt von der Polizei zu Werke gingen, hatten allen Grund dazu, sich als
Vollzugsorgan des "Volkswillens" zu fühlen. Und nicht obwohl, sondern weil im August 1992 etliche
biedere Mecklenburger beim Einschlagen der Brandflaschen "Zugabe" gerufen hatten, beschloss der
SPD-Vorstand, der faktischen Abschaffung des Asylrechts zuzustimmen.

Jetzt galt es, etwas für das ramponierte Ansehen des wiedervereinigten Deutschlands zu tun und den
drohenden Schaden für die Exportwirtschaft abzuwenden. "Lichterketten gegen Hass und Gewalt"
nannten sich diese Veranstaltungen. Doch die entfesselte Welle war nicht mehr aufzuhalten. Wenige
Tage nach dem Auftritt des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker vor 300.000 Menschen in Berlin,
der in "Heuchler"-Rufen unterging, brannte das Haus der Familie Arslan in Mölln.

Aber diesmal hatte es nicht isolierte Flüchtlinge getroffen. In Rüsselsheim war es zuerst die
Opel-Betriebsleitung, die die Gefahr erkannte. Zusammen mit dem Betriebsrat schaltete man
Traueranzeigen und legte während der Arbeitszeit Gedenkminuten ein. Man wollte eine verängstigte wie
zornige türkische Belegschaft beruhigen.

Die Sorge war berechtigt. Ich erinnere mich, wie ich auf der Vollversammlung, die eine hilflose
Schulleitung einberufen hatte, die Appelle an "Toleranz" zurückwies und Ralph Giordano zitierend
zum bewaffneten Selbstschutz aufrief. Nicht alle Einwanderer hießen diese Idee für gut, aber für
abwegig hielt sie in jenen Tagen kaum jemand. Denn Mölln war überall. Kurz nach dem Anschlag griffen
in Rüsselsheim Skinheads einen Treffpunkt türkischer Jugendlicher an. Diese revanchierten sich,
indem sie eine Kneipe zerlegten, in der sich rechtsextreme Fußballfans trafen. Der große Aufstand
aber fiel aus. Warum?

Vielleicht auch darum: Keine 24 Stunden nach dem Anschlag standen Nachbarn, die mit meinen Eltern
nie mehr als ein paar belanglose Worte im Treppenhaus gewechselt hatten, mit Blumen in unserer
Wohnung. Bild-Leser und CDU-Wähler, die bestimmt für die Abschaffung des Asylrechts waren, denen es
aber auch nicht um den deutschen Export ging. Ihre Scham war echt, und sie wollten meine Eltern um
Verzeihung bitten.

Umso grandioser war das Versagen der Politik. Helmut Kohl weigerte sich, die Überlebenden von Mölln
zu besuchen. Nach dem Anschlag von Solingen schickte er ein Beileidstelegramm an den türkischen
Staatspräsidenten und ließ sich folgerichtig auf der Trauerfeier in Köln von seinem Außenminister
Klaus Kinkel vertreten, der dort auf die Kommastelle vorrechnete, wie viele Steuern und Abgaben die
hiesigen Türken leisteten. Es war als Argument gemeint, sie nicht totzuschlagen.

Damals dachten viele ein letztes Mal ernsthaft über eine Rückkehr nach. Dass es bei Gedankenspielen
blieb, hatte etwas damit zu tun, dass Staat und Gesellschaft nun den Neonazis auf die Pelle rückten
und auf Solingen nichts Vergleichbares folgte (abgesehen vom von Amts wegen vertuschten
Brandanschlag 1996 in Lübeck). Das Leben ging ohnehin in eine andere Richtung: Man kaufte Häuser und
Wohnungen, gründete Geschäfte, übernahm die deutsche Staatsbürgerschaft und kam sich von Urlaub zu
Urlaub in der Türkei immer fremder vor. Die nachwachsende Generation dachte ohnehin nicht daran,
Deutschland zu verlassen.

Doch deutsch geworden

Als ich im Jahr nach Solingen mein Abitur machte, war dies für ein türkisches Arbeiterkind nicht
mehr so ungewöhnlich. Etwa zur selben Zeit beschloss der junge Cem Özdemir, in die Politik zu gehen.
Den gleichen Entschluss fasste meine Freundin E. - allerdings reifte in ihr die Überzeugung, dass
sie in Deutschland keine Chance haben würde, weshalb sie später mit ihrem Einserdiplom im türkischen
Außenministerium anheuerte. Wieder andere, die sich weder von den Traditionen ihrer Eltern noch der
Mehrheitsgesellschaft angezogen fühlten, suchten ihr Heil in einem strenggläubigen Islam. Und
natürlich waren die Nationalisten zur Stelle, um die wütenden jungen Leute, insbesondere die Jungs
ohne Abitur, einzusammeln.

Misstrauen, Distanz, mitunter Abgrenzung hatte es schon vor Mölln und Solingen gegeben, und in den
Jahren gingen diese Gefühle wieder zurück. Der WM-Sommer 2006, als die Deutschtürken
schwarzrotgoldene Fahnen nicht mehr fürchteten, sondern selbst fröhlich schwenkten, hat gezeigt,
dass sie Dinge nicht ständig mit der Solingen-Brille sehen. Andererseits haben die Kampagne von
Roland Koch oder die Reaktionen auf den Brand in Ludwigshafen offenbart, wie zerbrechlich das
Verhältnis noch immer ist und wie schnell sich das Trauma, das Gefühl von fehlender Anerkennung
zurückmelden.

Wo stünden wir heute, wenn es Solingen und Mölln nicht gegeben hätte? Oder wenn die Politik darauf
anders zu reagieren gewusst hätte? Vielleicht hätten wir etwas mehr Normalität. Eine Normalität, die
es auch braucht, um über Dschihadismus, jugendliche Gewalttäter oder Ehrenmorde zu sprechen.
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