|
| Ganz nach oben · Neuer Beitrag · Gehe zu Thema |
« Zurück |
| Re: Auf der anderen Seite |
Autor: RHIZOME Datum: 12-22-07 13:39
Ein wundervoller Film, hier ein schoener Text ueber Baki Davrak, den genialen Hauptdarsteller:
Mein Freund, der Schauspieler
Baki Davrak spielt die Hauptrolle in Fatih Akins Film "Auf der anderen Seite". Wie wurde aus dem
unscheinbaren Jungen ein Filmstar?
Von Heike Faller
Als der Film meines Freundes Baki in Cannes Premiere hatte, versuchte ich ihn mit den Augen eines
Fans zu betrachten. Es gelang mir immer nur für Momente. Ich kenne Baki Davrak seit über 20 Jahren
und sehe in ihm immer noch den blassen Jungen aus der Parallelklasse. Keinen Star. Er war noch nicht
einmal der Star unserer kleinen Schule.
In Cannes stand er dann auf dem Pier, im Mittelmeerwind, schwarzes Haar, blaue Augen, eher ein
Südfranzose als ein Türke, während das ZDF ihm ein riesiges Mikrofon vors Gesicht hielt, in das er
pointierte Sätze in perfekter Fernsehlänge sprach. Am Ende nickte er jeweils kurz, um zu
signalisieren, dass der Reporter jetzt mit der nächsten Frage beginnen könne. Am Abend lief er im
Smoking Arm in Arm mit Hanna Schygulla über den roten Teppich und schien dabei vertraut mit ihr zu
plaudern, während Fatih Akin, der Regisseur von Auf der anderen Seite, sich immer wieder vor ihnen
verbeugte.
Ich erlaubte mir den Gedanken, dass der Smoking am Tag zuvor von unserem gemeinsamen Schulfreund
Dieter in einer Notaktion gemietet worden war, der ihn mir mit der Bemerkung übergeben hatte, der
sei aus der billigsten Kategorie und käme sonst vermutlich bei Berliner Kiez-Hochzeiten zum Einsatz.
Wir hatten es nicht gewagt, einen Blick in die Pappschachtel zu werfen. Aber jetzt sah Baki darin
aus wie ein Filmstar. Meterhoch stand er auf der Leinwand, beklatscht von gepuderten Französinnen in
Ballkleidern, die so schwer dufteten, als könnte jede von ihnen von ihren Monatsausgaben für Parfüm
Bakis Wohnungsmiete bezahlen. Ich hörte, wie ein Fotograf sagte, dass er Baki schon seit Jahren
bewundere und ihn gern kennenlernen würde.
Kein Problem, dachte ich. Ich kann dir einiges über ihn erzählen. Aber du würdest dich vielleicht
wundern. Er ist doch nur der liebe, alte Baki. Der erst mit 15 ins Blickfeld der Mädchen geriet, als
er anfing, Gitarre zu spielen und morbide Bleistiftzeichnungen zu machen. Auf den wir so stolz
waren, weil er nach der zehnten Klasse den Übergang von der Realschule aufs Gymnasium schaffte, ein
Aufstieg, den wir ein bisschen auch uns selbst zuschrieben, weil wir die beiden Türken in unserer
Jahrgangsstufe „ohne Vorurteile“ in unserer Mitte aufgenommen hatten. Kein Wunder, dass sie in der
sonnigen Atmosphäre unserer südbadischen Kleinstadt so gut gediehen waren.
Bakis Talent war ohne Vorankündigung auf die Welt gekommen. Es war genau 20 Jahre vor Cannes, im
Sommer 1987, auf der Abschlussfeier unserer kleinen Schule in Laufenburg. Baki ging in die 10b, ich
ging in die 10a. Meine Klasse führte eine Parodie auf Romeo und Julia auf, wir waren uns sicher,
dass der Abend uns gehören würde. Den Auftritt der unauffälligen B-Klasse mit ihrem als konservativ
geltenden Deutschlehrer hatten wir nicht auf der Rechnung. Baki spielte den Neinsager in dem
Brecht-Stück. Der Lehrer hatte ihm die Rolle aus unbekannten Gründen gegeben, vielleicht weil er in
einer Gruppe stimmbrüchiger Mofafahrer der Sensibelste war. Es kann gut sein, dass er niemals
Schauspieler geworden wäre, wenn sein Lehrer ihm nicht diese Rolle zugeteilt hätte. Er selbst
überlegte damals, Psychologie zu studieren, sein Vater fand Agraringenieur eine gute Berufswahl.
Ich weiß noch, wie er auf der Bühne die ersten Worte sagte. Wir hatten geschrien und mit den Armen
gefuchtelt und uns schrille Klamotten angezogen. Baki stand da, in einem Sakko, und sprach leise,
mit verhaltenen Gesten. Aber alle hörten ihm zu. Ich meine mich zu erinnern, dass später viele davon
redeten, wie unglaublich gut „der Baki“ gespielt hat. In einem Saal voller Leute, von denen die
wenigsten ins Theater gingen, war keinem entgangen, dass er etwas hatte, wofür uns damals das Wort
fehlte: Präsenz.
Auch er selbst hat es erst an diesem Abend entdeckt: dass er die Leute dazu bringen konnte, ihm
zuzuhören. In der Oberstufe trat er dann einer Laienspielgruppe bei, und nach dem Abitur ergab es
sich, dass er, ohne je eine Schauspielschule besucht zu haben, Rollen an kleinen Theatern bekam. Als
er Anfang der neunziger Jahre nach Berlin zog, schrieb er sich an der Uni zwar noch für
Religionswissenschaften ein, aber da war längst ein Schauspieler aus ihm geworden. Seine Begabung
hatte ihn einfach dahingetragen, und doch schien sie mir nie das Bemerkenswerteste an Baki zu sein.
Das, was ihn von allen Leuten unterscheidet, die ich kenne, ist nicht sein Talent zu spielen,
sondern sein Talent zu leben, ist nicht sein Erfolg, sondern die Art und Weise, wie er die letzten
acht Jahre überstanden hat.
Wir hatten nämlich schon mal gedacht, dass er jetzt groß rauskommt. Das war 1999, da war er 28 und
hatte nach ein paar Jahren an kleinen Bühnen in Hannover und Berlin seine beiden ersten Kinorollen
bekommen: In Dealer von Thomas Arslan spielte er einen Süchtigen; in Lola und Billidikid hatte er
seine erste Hauptrolle. Baki, der Junge vom Land, dessen Deutsch eine weiche, badische Färbung hat,
spielte damals einen schwulen 17-jährigen Kreuzberger Türken, den es zwischen der Transvestitenszene
und dem Männlichkeitsideal seiner Familie zerreibt. Der Film ist aus heutiger Sicht vielleicht zu
überladen mit seiner Botschaft. Aber er lief im Panorama-Programm der Berlinale und bekam gute
Kritiken, was sicher auch damit zusammenhing, dass man damals neugierig war auf das kulturelle
Coming-out der türkischen Immigrantenkinder, die in Filmen und Texten von einer Welt erzählten, von
der das Feuilleton wenig wusste. Fatih Akins erster Film Kurz und schmerzlos zeigte das barocke,
türkische Altona; aus Kiel kam Feridun Zaimoglu; in Berlin bildete sich die Künstlergruppe Kanak
Attak.
Und Baki, so dachte ich, würde von nun an auf dieser Welle mitschwimmen. Er hatte Interviewtermine
mit Frauenzeitschriften, Schauspielagenten riefen ihn an, Casting-Direktorinnen wollten ihn
kennenlernen, weil er ein Geheimnis habe, eine Aura, etwas Besonderes. Auf der Berlinale sprach ihn
eine Frau von Miramax an, es fiel das Wort Hollywood. Und Baki und ich, wir wohnten zum ersten Mal
seit dem Abitur wieder in derselben Stadt und überlegten uns im Überschwang dieser Zeit, ein
Kulturstipendium ins Leben zu rufen, das daraus bestehen sollte, dass wir jedes Jahr einen besonders
aufgeweckten Schüler unserer geliebten alten Kleinstadtschule (einen wie uns) für die Sommerferien
nach Berlin einladen würden.
In der Rückschau habe ich manchmal über uns gelacht. Und mich gefragt, ob es derselbe Optimismus
war, der Baki damals immer wieder Angebote ablehnen ließ. Er befürchtete, auf schwule Rollen
festgelegt zu werden oder sich in schlechten Fernsehprojekten zu verbrauchen. Er bemühte sich auch
nicht um die Filmbranche. Er ging selten auf Partys, wo er Casting-Agenten hätte treffen können,
fuhr nicht mit dem Lola-Film auf Festivals, saß nicht bei seiner Agentin im Büro, um
Karriereschritte zu planen. Sicher auch, weil er konzentriert war auf den schwierigen Rollenwechsel,
den die Geburt seines ersten Kindes ihm abverlangte. Und weil sich in seinem Berufsleben bis dahin
immer alles so ergeben hatte.
Dass die Angebote ausblieben, hat er zuerst gar nicht bemerkt. Im Jahr 2000 kam noch ein Kinofilm
heraus, der digital gedreht wurde und keinen Verleih fand, was wohl auch besser so war. Aber dann
passierte irgendwie nichts mehr. Ein, zwei Mal im Jahr eine Nebenrolle, studentische Kurzfilme ohne
Gage. Baki wollte kein Sozialhilfeempfänger sein. Um einen Beitrag zur Ernährung seiner Familie zu
leisten, jobbte er als Babysitter, als Barkeeper, als Rezeptionist. Vor vier Jahren nahm er dann
einen Job als Parkhauswächter an. In einem Parkhaus am Prenzlauer Berg, auf der Rückseite eines
Cinemaxx. Im Dunkeln. Ich sah darin eine bittere Metapher für einen arbeitslosen Schauspieler.
Wir trafen uns in der Zeit nur alle paar Monate, meist zufällig, in der Tram, auf der Straße, weil
Baki stundenlang durch die Stadt lief. Manchmal klingelte es an meiner Tür, und Baki war da und
fragte, ob ich Lust hätte rauszukommen. Als ob wir zwölf seien, dachte ich. Ich kam mir vor wie eine
ältere Freundin. Ich dachte, dass er vielleicht noch mal studieren sollte, Lehramt, da wäre er in
wenigen Jahren fertig, oder vielleicht eine Fortbildung zum Webdesigner machen. Ich dachte, es ist
schwer genug, als Parkhauswächter eine Familie durchzubringen, aber wie wird es im Alter sein, wovon
will er leben? Ich machte mir Sorgen, und das Unglaubliche an meinem Freund Baki ist, dass er sich
keine Sorgen machte. Einmal hatte er kein Geld, sich etwas zu essen zu kaufen. Aber er klagte nicht,
sondern sprach ohne Ironie von der reinigenden Kraft des Fastens. Immer wenn ich ihn traf, war er
seelenruhig. Und ich entdeckte zum zweiten Mal, dass er etwas hat, um das ich ihn beneide: Präsenz.
Bakis Agentin, Antje Schlag, die Gründerin der Schauspieleragentur Charade, ringt nach Erklärungen,
wenn man sie fragt, was mit seiner Karriere eigentlich passiert ist. Sicher hinge es mit Bakis Typ
zusammen, für den es bis vor Kurzem wenige Rollen in Deutschland gegeben habe. Er sieht zwar nicht
besonders türkisch aus, aber in einer deutschen Rolle doch erklärungsbedürftig. Vielleicht wäre der
internationale Markt etwas für ihn gewesen, meinte sie, aber von seinem Miramax-Kontakt habe ihr
Baki erst Jahre später erzählt. Sein Nein zu manchen Rollenangeboten konnte sie verstehen: dass er
keine Soaps machen wollte; sogar dass er die Hauptrolle in einer deutsch-türkischen Kinokomödie
ablehnte, weil er fand, dass das Drehbuch nicht zu ihm passe. Sie weiß nicht, an welcher Stelle er
eine andere Entscheidung hätte treffen sollen oder auf welche Weise er hätte kämpfen können.
Schauspieler seien eben der Gunst der Branche ausgeliefert. Man müsse schon sehr selbstbewusst sein,
um sich ungefragt mit Castern zum Mittagessen verabreden zu wollen. Ein Versäumnis, wenn man es so
nennen will, kann sie eigentlich nur in seiner Haltung ausmachen, in seiner Zurückgezogenheit, die
man auch gespürt habe, wenn er einmal im Jahr zu ihrem Agenturfest kam.
Eine einflussreiche Casterin bestärkte sie darin, an ihm festzuhalten, weil er etwas Besonderes
habe, etwas, das vielleicht noch Zeit brauche, um Beachtung zu finden. Antje Schlag sagt, dass die
meisten Schauspieler schlecht mit solchen Phasen zurechtkämen. Viele seien besonders unsichere
Menschen, und wenn die Bestätigung von außen über Jahre fehle, dann blieben oft nur Selbstzweifel
übrig. Irgendwann säßen sie dann in ihrem Büro und wollten wissen, ob man noch irgendetwas tun
könne. Von Baki hörte sie monatelang gar nicht mehr.
Wäre die Karriere meines Freundes Baki ein klassischer Hollywoodfilm, würde er im ersten Drittel ein
Problem bekommen – keine Rollen –, das er dann aus eigener Kraft bewältigte, wobei er sich selbst
erkennen und verändern würde. Es war aber nicht so. Baki nahm Problem Nummer eins zur Kenntnis, ohne
sich weiter dafür zu interessieren, und widmete sich einfach größeren Aufgaben. Er sagte, es sei
doch eigentlich ein Luxus, jeden Tag stundenlang fast ungestört in einem Raum sitzen zu dürfen und
dafür auch noch Geld zu bekommen. Von seiner Agentin lieh er sich einen alten Laptop. Und fing an zu
schreiben.
Er vertiefte sich in das Thema, das ihn schon immer beschäftigt hatte: die Ursprünge des
Christentums. Er las Religionsgeschichtliches, die Bibel, die Qumran-Rollen und versenkte sich immer
tiefer darin. Manchmal hatte ich auch den Eindruck: verirrte sich immer tiefer. Am Ende schrieb er
eine Geschichte. Die Grundidee ist, dass ein Mann in der Psychiatrie sitzt, weil er glaubt, der
Erlöser zu sein, der mit Hilfe von landwirtschaftlichen Produktionsschiffen den Hunger in der Welt
besiegt und einen Friedensrat der Kulturen gegründet habe. Baki selbst würde diese Rolle spielen,
eine Art utopisches Theater, über das gleichzeitig ein Dokumentarfilm entstehen sollte, durchsetzt
von historischen Szenen, die zur Zeit Jesu spielen sollten. Oder so ähnlich.
Wenn er mir davon erzählte, konnte ich ihm kaum noch folgen. Ich vermutete, dass sein Schreiben
Selbstschutz war, damit er sich nicht als Parkwächter und arbeitsloser Schauspieler definieren
musste. Das Thema war jedenfalls groß genug, um sich ein paar Jahre lang zuverlässig darin zu
verlieren. Ich fand es zu hart, ihm das so direkt zu sagen; erst als er nicht mehr im Parkhaus saß,
sondern in einem Straßencafé in Cannes, unterbreitete ich ihm meine These. Ich dachte, dass er das –
mit dem Erfolg im Rücken – jetzt auch so sehen könnte. Dass sein Schreiben vor allem eine Ablenkung
war. Aber er verneinte. Er sagte, dass er seine Utopie von der Gemeinsamkeit der Religionen ernst
meine. Kein Selbstschutz. „Vielleicht eher Selbstfindung. Ja.
Selbstfindung.“ In dieser existenziellen Unsicherheit, in der ich als Ausweg nur
Fortbildungsmaßnahmen gesehen hatte, sah mein Freund Baki eine große Freiheit. „Ich dachte, was
willst du eigentlich machen? Und ich sah im Parkhaus die optimale Möglichkeit, mich mit der Frage zu
beschäftigen, die mich schon immer umgetrieben hat: Wie kann man zwischen den verschiedenen Kulturen
Frieden organisieren? Dazu musste ich herausfinden, was der gemeinsame Nenner aller Religionen ist.“
Bakis Religionstick habe ich schon in der Schule nicht verstanden. Seine Eltern leben nicht
religiös, sein Vater, ein Chemiker, kam mir immer nüchterner und gebildeter vor als andere Väter,
seine kleine Schwester trug (natürlich) kein Kopftuch. Im Wohnzimmer der Familie stand eine
Schrankwand, vor der Tür ein Mittelklassewagen. Baki sprach wie alle, sah aus wie alle, roch wie
alle – lauter Eigenschaften, die irgendwie in seinen blauen Augen zusammengefasst wurden. Der
einzige Unterschied zwischen ihm und uns schien mir darin zu bestehen, dass aus der Küche seiner
Mutter leckere Böreks kamen statt langweiliger Wurstbrote und dass es immer ein logistischer Aufwand
war, wenn er mit seinem türkischen Pass mit auf Schulausflüge in die Schweiz wollte. Diskriminierung
oder Integration waren Vokabeln, die an unserer Schule nicht in Umlauf waren: Baki hatte keine
andere Wahl, als einer von uns zu sein.
Sein Interesse an allem Religiösen hielt ich zu Schulzeiten für jugendlichen Pathos, vergleichbar
mit seiner Begeisterung für Death-Metal-Bands. Ich verstand nicht, warum er, im Gegensatz zu uns,
freiwillig am katholischen Religionsunterricht teilnahm. Als hoffte er, dort ein Geheimnis zu
erfahren. Aber da war nichts. Da hätte er nur mich fragen müssen. Rätselhaft auch, warum ihn in der
elften Klasse Nathan der Weise so faszinierte, eine blutleere Parabel (fand ich), in der es um die
Frage geht, welche der drei Religionen Gott am meisten liebe. Uns schienen solche Probleme
hoffnungslos veraltet. Die meisten gingen in den Gottesdienst, kaum einer nahm das Gesagte ernst,
und wir erwarteten nicht, dass andere es ernst nahmen. Es war das postreligiöse Zeitalter.
Erst für dieses Porträt fragte ich noch mal nach. In Cannes erzählte mir Baki eine Geschichte aus
seinem Leben, die ich nicht kannte. Sie handelt von einem Ereignis, das er als Schock bezeichnet.
Wie er in seinen ersten Tagen im katholischen Kindergarten das Morgengebet sprach, seinem Vater
davon erzählte und der ihn instruierte, nicht mehr mitzubeten. „Denn du bist Muslim.“ Es war diese
Erfahrung einer tiefgreifenden Andersartigkeit, eines Risses zwischen ihm und der Welt, die für den
Dreijährigen unbegreiflich war. Man muss fast sagen: traumatisch, denn das Thema hat ihn nicht mehr
verlassen.
Was war das für eine Figur am Kreuz, der er sich als einziges Kind (auf der ganzen Welt, wie er
glaubte) nicht zuwenden durfte? In seinen Parkhausjahren hat er versucht, Religion zu
entmystifizieren, sie als historisch gewachsenes Ritual zu verstehen und nicht als etwas, was einen
Menschen auf eine fundamentale Weise von anderen unterscheide. „Ich war lange besessen von der
Vorstellung, wirklich begreifen zu können, wer das war: Jesus.“ In seinem Text geht es auch um die
Säkularisierbarkeit des Islams. „Ich musste so lange weitermachen, bis ich dem kleinen Jungen von
damals sagen konnte: Es war in Ordnung, dass du damals nicht zum Kreuz gebetet hast.“
Ob er überhaupt noch Schauspieler sein wolle, fragte ihn Antje Schlag, als sie vor zwei Jahren ihre
Agentur umorganisierte und sich von vielen Schauspielern trennte. Baki sagte Ja. Er würde allerdings
noch einige Monate brauchen, um seine Dichtung abzuschließen. Aber dann stünde er wieder ganz für
Rollenangebote zu Verfügung.
Wäre das Leben meines Freundes Baki ein Film, würde er mit seinem Text jetzt die Welt retten oder
zumindest einen wichtigen Beitrag zur Islamdebatte liefern. Aber so kam es natürlich nicht. Er hatte
das Stück nicht zu Ende geschrieben, als die dramatische Wendung über ihn kam, ohne dass er etwas
dazu beigetragen hatte. Außer natürlich die Ruhe zu bewahren. Was ja nicht wenig ist. Er saß
tatsächlich im Parkhaus, als sein Handy klingelte, und Fatih Akin war dran. Die beiden hatten sich
nach Lola und Billidikid kurz kennengelernt, und Fatih Akin sagte später, dass er sich immer sicher
gewesen sei, irgendwann mit Baki zusammenzuarbeiten. „Manchmal weiß man das. Er hat das gewisse
Etwas, ein Geheimnis, das ich gerne lüften würde und mit mir vielleicht auch der Zuschauer.“ Er lud
Baki ein, für die Hauptrolle in seinem neuen Film vorzusprechen. Mit einem anderen, sehr viel
bekannteren Schauspieler hatte er sich nicht auf eine Gage einigen können, ein zweiter hatte sich
als unpassend für die Rolle herausgestellt. Die Proben liefen schon, und Baki war Fatihs letzte
Hoffnung. Diesmal sagte er Ja.
Und ich weiß noch, wie er an diesem Abend anrief, um mit unserem Kumpel Dieter und mir eine Flasche
Champagner aufzumachen. Ich fragte mich kurz, ob Baki vielleicht das beste Beispiel für eine
Botschaft ist, die ich beruhigend finde: dass man Erfolg und Misserfolg im Leben wohl nur begrenzt
selbst in der Hand hat, dass man aufsteigen, ohne sich zu zerreiben, und absteigen kann, ohne sich
selbst zu zerfleischen. Aber da waren wir schon etwas betrunken.
Ein paar Tage nach der Deutschland-Premiere von Auf der anderen Seite saßen wir in einem Berliner
Café. Baki hatte seine ersten Autogramme gegeben, er war auf der Straße erkannt worden, türkische
Mütter hatten sich mit ihm fotografieren lassen. Ein Magazin hatte ihn als „große Entdeckung“
bezeichnet. Sein Name steht in jeder Kritik zu einem Film, der vielleicht für den Oscar nominiert
wird. Ich fragte ihn, ob er nicht ein wenig schweben würde, und er sagte: „Nee. Ich schwebe gar
nicht. Ich frag mich manchmal, ob irgendwas nicht mit mir in Ordnung ist, dass ich keine Euphorie
empfinde. Aber ich kreise irgendwie um die Frage, wie bezahle ich meine nächste Miete, woher kriege
ich meinen nächsten Job. Vielleicht zieht dieser Film ja andere Angebote nach sich. Worauf man sich
natürlich nicht verlassen kann.“
Am Morgen hatte die Kündigung für seine kleine Berliner Wohnung im Briefkasten gelegen. Dort wohnt
er seit der Trennung von der Mutter seiner beiden Söhne. Er war in Köln gewesen, wo er an einem
Theaterstück probte, und hatte es nicht geschafft, sich seinen Vorschuss auszahlen zu lassen, um
seine Miete rechtzeitig zu bezahlen. Er sagte: „Was meinst du? Soll ich mich darum bemühen, die
Wohnung zu behalten? Oder würde mir ein Wohnungswechsel vielleicht ganz guttun? Was Helleres,
Luftigeres, das wäre doch auch schön.“ Dabei lächelte er, mein alter Freund.
ZEITmagazin LEBEN, 25.10.2007 Nr. 44
|
| Zu diesem Thema antworten |
|
| Ganz nach oben · Neuer Beitrag · Gehe zu Thema |
« Zurück |
|
Um diesen Bereich nutzen zu können, melden Sie sich bitte als Mitglied an. » Mitglied werden
Bereits bei Turkdunya.de angemeldet?
|
|
Mitglied werden und Services nutzen
Chat, Kontaktanzeigen, Forum, Message Board, Gästebuch, Kleinanzeigen, E-Card, Events, SMS-Sprüche, Spiele und vieles mehr...
Jetzt Mitglied werden!
|
|