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| Da ist noch was drin ............Scheis............ |
Autor: orient Datum: 06-19-09 12:58
www.KHeck.info
Da ist noch was drin Allgemein
Blagojewich, die “Windy City” und die Scheiß-Demokratie
Ich verstehe die ganze Aufregung nicht
Blagojewich — viele Amerikaner haben Schwierigkeiten, diesen Namen auszusprechen. Aber wofür er steht, wissen sie jetzt alle: für einen der dunkelsten Momente in der seit Al Capone für Korruptionsskandale berühmten Gauner-Stadt Chicago, die nicht nur wegen des vielen Windes, der die Stadt regelmäßig heimsucht, Windy City genannt wird. Blagojewich, der es vom serbischen Arbeiterkind bis zum Gouverneur von Illinois gemacht hat, hat keine Freunde mehr.
Auf ihn wartet, wenn alle Anklagepunkte wg. Korruption gegen ihn zu einer Verurteilung führen, eine Haftstrafe von bis zu 30 Jahren, also etwa so viel wie zwei Mal lebenslänglich in Deutschland. Und während also die Welt entsetzt, belustigt oder zynisch den Kopf schüttelt, verstehe ich mal wieder die ganze Aufregung nicht.
Was ist denn eigentlich so extrem korrupt daran, dass ein Politiker versucht, aus seiner Macht, einen begehrten Posten zu besetzen, Kapital zu schlagen? Ich finde es eher mal eine Überlegung wert, dass der heutzutage noch gern als mächtigster Mann der Welt bezeichnete amerikanische Präsident, gerade mal 400.000 $ verdient – im Jahr, nicht im Monat. Michele Obama, die jetzt ja als First-Lady keine Zeit mehr hat, ihrem Job als Anwältin nachzugehen, muss dafür auf fast die gleiche Summe verzichten, die sie bisher im Schnitt verdient hat. Mit anderen Worten: der künftige Präsident der USA macht seinen Job quasi für lau. Obama nennt das Opferbereitschaft, „The Country first” nannte das die Mc.Cain-Kampagne.
Vielleicht sollte Obama nicht zu seiner eigenen Einweihungszeremonie gehen, um mal wirklich ein Zeichen gegen den Schacher zu setzen, denn die Karten für einen Zuschauerplatz werden derzeit bereits für 40.000 $ verscherbelt. Oder er hätte mal versuchen sollen, so ganz ohne Wahlspenden Präsident zu werden oder statt gleich stundenweise Werbung in allen Kabelstationen zu schalten, diese Millionen irgendwelchen Projekten für Arme zukommen lassen können, hat er aber nicht, sonst hätte er womöglich auch nicht gewonnen.
Es gibt also feine Unterschiede. Und die kenne ich. Als ich in meiner politischen Laufbahn eine kurze Zeit lang zu den fünf oder zehn mächtigsten Leuten meiner Stadt zählte, machte mir nie mal jemand aus der lokalen Wirtschaft ein mehr oder weniger unsittliches Angebot, die Unternehmer interessierten sich überhaupt nicht für mich. Der Grund war klar: ich war bei den GRÜNEN und die galten damals noch als verrückt, d.h. unbestechlich. Dabei war ich gar nicht so verrückt. Jedenfalls nicht so extrem, wie meine Mitkämpferin Irene Knopff † die nur gezwungenermaßen zu halboffiziellen Anlässen mal nach einer Ratssitzung auf eine Tasse Tee mit in den Ratskeller gegangen ist. „Mit dem kann man reden” — war dagegen ein Ruf, den ich mir relativ schnell bei den anderen Lokalgrößen erworben hatte. Das sah dann praktisch etwa so aus:
(nachgestellte Szene nach einer Ratssitzung)
CDU-Fraktionschef: (knufft mir von hinten in die Seite) Eh, Klaus, du Arsch! Da hast du uns ja mal wieder vorgeführt.
Klaus: (lacht) Ach komm, ich war doch noch richtig nett, eigentlich.
CDU-Fraktionschef: Von wegen. Aber mal im Ernst. Wie machen wir das denn jetzt?
Klaus: Was meinst du?
CDU-Fraktionschef: Du weisst genau wovon ich rede.
Klaus: Aha. Und was bietest du?
SPD-Fraktionschef (kommt hinzu): Ey, Klaus, keine Deals mit dem Feind. (Lacht) Jedenfalls nicht ohne mich (Alle drei lachen)
Klaus: Na gut. Ich zahle die erste Runde. Aber ihr wisst ja, dass ich ein armes Schwein bin. Das muss sich auch auszahlen.
CDU-Fraktionschef: Schätze mal, das kriegen wir hin. (Alle drei lachen und gehen zusammen auf ein Bier in den Ratskeller)
So in der Art läuft das in der Demokratie seit platonischen Zeiten. Und während es mir dabei noch – meistens – um die Inhalte ging, für die ich meine Macht einsetzte, ging es den meisten Vertretern der, wie die GRÜNEN damals noch über die anderen sagen konnten, etablierten Parteien immer auch um eigene Pfründe, Pöstchen und Posten. Das „Problem” für mich war, dass ich nicht nur in der „falschen” Partei war, sondern auch nicht über die alteingesessenen Kontakte zu den Reichen der Gegend verfügte. Denn wenn man dazu gehört, dann braucht man nicht, wie Blagojewich, der ganz offensichtlich nie dazu gehörte, deutlich zu werden. Ob man das nun symbolisches oder soziales Kapital nennen will, ist mir egal. Worauf ich nur hinweisen will ist: hätte Blagojewich dazu gehört, dann hätte irgendjemand von sich aus seiner Frau einen hochbezahlten Posten angeboten oder seinem Schwiegervater ein tolles Privatjet geschenkt oder oder oder. Es gibt so viele Möglichkeiten. Und irgendeiner, der auch dazu gehört, hätte dann eben diesen durch Obama frei werdenden Senatorenposten bekommen, ganz ohne deutliche Zusammenhänge. Meint: dass es nach Korruption riecht, dass ein ehemaliger Bundeskanzler, der, wie Blagojewich und ich, ebenfalls aus einer Arbeiterfamilie abstammt, jetzt ein nettes Pöstchen bei einem russischen Staatsbetrieb hat, liegt wiederum an dem Maß der aufgrund der Herkunft geschuldeten Deutlichkeit.
Arbeiterkinder sind nicht korrupter, als Bürgerkinder, sie müssen eben nur deutlicher werden.
Wer anderseits dazu gehört, der kann sich das Geld für solche Deutlichkeiten sparen. Warum nicht stattdessen einen befreundeten Mann bei der Staatsanwaltschaft oder beim FBI anrufen und mal ein paar Gespräche mitschneiden lassen? So schlägt man doch gleich zwei bis drei Fliegen mit einer Klappe. Man kann, nachdem man das böse Arbeiterkind in den Bau geschickt hat, also dahin, wo es hin gehört, gleich zwei Positionen neu besetzen und im Idealfall mit Leuten, die dazu gehören.
Eine gelungene Geschichte zu diesem Thema, speziell auf Amerika zugeschnitten, erzählte bereits 1925 F.S. Fitzgerald mit Der Große Gatsby. Hätten die Amis, zu deren Standard-Schulstoff das Buch sicher zählt, sich wenigstens einen der ersten Sätze des Textes angeeignet, würde sie jetzt vielleicht weniger heftig über Blagojewich urteilen. Er lautet:
“Whenever you feel like criticizing any one,” he told me, “just remember that all the people in this world haven’t had the advantages that you’ve had.”
Aber obiger Rat richtet sich ja auch gerade nicht an die vielen zu kurz Gekommenen. Vielleicht haben sie ihn deshalb auch nicht verstanden.
http://kheck.info/archives/990
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