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Bedelli Askerlik
Autor: Safak1
Datum: 08-07-07 01:38

Klar gibt es überall Wehrpflicht, irgendjemand muss ja das \"Vaterland\" schützen - aus Deutschland. Stellt dir mal einfach vor: es gibt Krieg und keiner geht hin!!
Was passiert dann liebe Rayn? Kein Mensch hat Lust andere zu tötet. Und dann..!?

Nach Rayns Logik, also das gewöhnliche Denkweise, müssten wir auch damit zufrieden sein, wenn auch noch Sklaverei gibt. Offiziell gibt es zwar nicht, aber das gibt es auch noch heute, wie Du es weiß, in verschiedenen Varianten. Für dich ist das Okay mit dieser Regelung \"Bedelli Askerlik\", ja macht das.. Jedem das seine Digge.. Meinet wegen spende noch was dazu.. Damit die Militärs noch Dicke werden und dein Verwandten die allmächtige weiter Verehren.

Setz dich mit der Problematik etwas kritisch auseinander.

Es gibt einfach Leute, die darunter leiden.. Nicht alle haben die gleiche Haltung wie ich.
Aber viele Leute können sich einfach nicht leisten. Sie haben nicht die Nötige Kleingeld (mind. 5100 €). Vie viele Prozent ist die Arbeitslosigkeit unter den Türken, und rechen mal wie ein Harz IV Empfänger dafür sparen müsste.. Sie haben einfach kein Geld dafür Digge- checkst Du es? Und sie müssen noch dafür Sparen.. Wovon denn? Und rechne mal wie lange sie sparen müssten dafür.. Also Schulden machen für Anavatan und ihre Kinder können ja auch auf Schwimmbad verzichten.. Also müsste wenigstens für sie Gnade geben oder? Oder wärst du bereit dieser Leute zu unterstützen mit Geld?

Anderer Aspekt ist, dass nicht alle Menschen wie du darauf Geil sind, dass die die Militärs ewig diesem wunderschönen Land beherrscht. Wie du weis gibt es zwei Logik: das militärische und die Zivile. Die Türkei ist durch die Herrschaft der Militär seit der Gründung der Republik einer militarisierten Gesellschaft. Ich vermute sogar, dass du selbst oder dein Bekanten darunter gelitten haben oder noch leiden. Es geht ja auch nicht nur um dich Digge..

Seitdem „Auslandstürken“ ihren verkürzten Militärdienst in Antalya ableisten dürfen, muss sich die heimattreue Fraktion der „Auslandstürken“ nicht mehr darauf beschränken, die Heldengeschichten der Generäle über ihren Kampf gegen die „Terroristen“ in der Militärkaserne der Provinzstadt Burdur anzuhören. Dieses attraktive Neu-Angebot kann für manchen „toll“ sein, weil sie bei ihren Ausgängen zum Beispiel etwas über den Tourismus in der Türkei und Antalya erfahren werden. Jedenfalls ändern sich auch dadurch die Tatsachen nicht: „Bedelli Askerlik“ bleibt ein Erpressungsversuch und eine Zwangsmaßnahme des türkischen Staates und seines Militärs.
Erpresst werden nicht nur jene „Auslandstürken“, die sich als stolze Türken begreifen, sondern auch die Kurden, Armenier, Süryanis usw. werden als wehrpflichtige „Auslandstürken“ dazu gezwungen, finanzielle Mittel und Zeit zur Verfügung zu stellen. Für „sogenannte Bürger“ (sözde Vatandaslar) - Begriff des Generalstabs für Kurden - stellt dieser „Bedelli Askerlik hizmet“ì einen besonderen Zynismus und eine schmerzvolle Realität dar, da viele dieser Männer im Endeffekt in die Knie gezwungen werden, da sie keinen anderen Ausweg sehen, als dieses Kopfgeld als Preis ihrer Sehnsucht zu zahlen, ihrer Sehnsucht nach ihren Familienangehörigen, die in der „Republik Türkei“ leben.
Was für ein Hizmet!? Ist das etwa nicht Zwang und Erpressung, warum entlassen sie die Leute nicht, die kein Interesse daran haben Türke zu sein oder als ewige Türke zu bleiben. Dein Hass auf Kurden muss du auch nicht gleich über die Projektionsfläche PKK auskotzen, weil man über das Thema kritisch nachdenkt. Das ist Rassismus Digge!. Türkischer Rassismus gegen die Kurden sozusagen, die du auch in die trägst. Die Kriegdienstverweigerer sind auch kein PKK’ ler. Sie finden einfach das Uniform der Militärs zum Kotzen und wollen keine Waffe in die Hand nehmen. Checkst Du es?
Wie gesagt denk ein bisschen über die anderen, die damit Probleme haben..
Selmlar..


Zu diesem Thema antworten


Re: Bedelli Askerlik
Autor: Safak1
Datum: 08-07-07 02:22

Aus versehen hab ich das Thema hier angesprochen, eigentlich ging es um das Forumthema "hilfe!!
brauch rechtliche Infos wegen einbürgerug??.
Also seht bitte dahin, dan versteht ihr auch den Zusammenhag. Selamlar
Zu diesem Thema antworten

Re: Bedelli Askerlik
Autor: Rayn
Datum: 08-08-07 12:58



Du bist ein Quatschkopf, das hat alles mit dem nichts zu tun was ich geschrieben habe.


Zu diesem Thema antworten

Re: Bedelli Askerlik
Autor: Safak1
Datum: 08-08-07 16:38

Sevgili Rayn,

du machst dir einfach..

Das Thema „Bedelli Askerlik“ bereitet nicht nur für solche Quatschköpfe wie ich Kopfschmerzen. Wie
bereits gesagt, tausende "Auslandstürken" leiden darunter und wagen sich nicht darüber Öffentlich
zu äußern, weil das ein Tabuthema ist und weil die Leute vielleicht Angst davor haben als
„Nestbeschmutzer“ der türkische Communities da zu stehen. Mit Muterland Gelaber und "man kann nur
froh darüber sein, das man sich in der Türkei freikaufen kann" Argumenten lässt sich das Problem
wirklich nicht aus der Welt schaffen. Entweder bist du sehr stark von typisch türkischen
Sozialisationswahn, nach dem Motto "Her Türk Asker Dogar" beeinflusst und darin befangen
geblieben
oder du bist einfach Faul in Zusammenhängen bzw. Lebensverhältnissen nachzudenken. Dennk mal
bisschen nach Digge!!

Mit Sicherheit bist Du darüber informiert: In der Türkei wird bereits in der Grundschule Kindern
beigebracht, dass jeder Türke als Soldat zur Welt kommt! – („Her Türk Asker Dogar!“). Zum
wesentlichen Bestandteil des Sportunterrichts gehören auf Kommando strammstehen und marschieren.
Für
den Prozess der Sozialisation der Jungen wird der Wehrdienst als die wichtigste Stufe zum richtigen
„Mannsein“ erachtet. Der Spruch „Askerligini yapmayan adamdan sayilmaz“ („Wer seinen Wehrdienst
nicht hinter sich hat, ist kein richtiger Mann!“) hat in der türkischen Gesellschaft seinen festen
Platz.
Deshalb ist es nach dieser Art von militaristischer Logik auch nicht verwunderlich, dass das Thema
„Bedelli Askerlik“ innerhalb der „Auslandtürken“ kaum Kritikwürdig ist. Scheinbar gehörst du zu
denjenigen „Auslandtürken“, die im Kopf in der Türkei leben und ihre Körper in den Strassen von
Berlin oder Hamburg bewegen. Streng dich etwas an Digge, wenn du über dieses Thema weiterhin
diskutieren willst..

Zu Pluto, der Ordnungsfanatisch fragt und kommentiert:
„Zwei Pässe? Ist das nicht kriminell? Kann ihm da nicht die deutsche Staatsbürgerschaft theoretisch
wieder aberkannt werden? Unglaublich das der Gesetzgeber so inkonsequent ist.“
Noch mal Wiederholung für Pluto: Solange der „Auslandstürke“ einen türkischen Pass besitzt, gilt
auch selbst für den hier geborenen „Auslandstürken“ die Pflicht, den türkischen Militärs zu dienen.
Ist er nicht in der Lage diese Regelung nachzukommen, sollte er den Antrag auf Einbürgerung
rechtzeitig stellen, also bevor er die magische Altersgrenze von 38 überschritten hat. Konnte er
sich vom Kopfgeldzwang nicht rechtzeitig durch Einbürgerung „befreien“ lassen, gehört er nach
türkischer Gesetzgebung zur Kategorie der „Auslandstürken“, die als „fahnenflüchtig“ gesucht
werden.


Der Ausbürgerungsantrag beim türkischen Konsulat, der im Endeffekt mit einer Entlassungsurkunde aus
der türkischen Staatsbürgerschaft durch das türkische Innenministerium endet, ist für die
„Auslandstürken“ der letzte Schritt zum Erhalt eines deutschen Passes. Diesen Entlassungsantrag
„aus
der türkischen Staatsangehörigkeit“ können sie erst dann stellen, wenn sie davor die
„Einbürgerungszusicherung“ der Einbürgerungsbehörde haben. Deshalb muss er zunächst die Hindernisse
für den Erhalt der „Einbürgerungssicherung“ überwinden. Er muss beim Ausbürgerungsantrag dem
„Generalkonsul“ die „Einbürgerungszusicherung“ vorlegen.
Dann beginnt für den Betroffenen die Prozedur mit der „Republik Türkei“. Der Generalkonsul der
Türkei teilt das Ergebnis seiner Entscheidung persönlich mit. Er bestellt den „Auslandstürken“ per
Brief in das Konsulat, um ihm eine schriftliche Erklärung „(Bildirim“) zu verlesen. So erfährt der
Betroffene über das Konsulatspersonal, was die Türkei entschieden hat, ob er aus der
Staatsbürgerschaft entlassen wird oder eben nicht. Im Falle, dass er nicht ausgebürgert wird, wird
ihm ein Dokument vorgelegt. In diesem Dokument vom „Innenministerium der Türkischen Republik“
steht:
„(Da) Herr XY gemäß § 20 des Staatsangehörigkeitsrechts als fahnenflüchtig gesucht wird, kann die
Forderung (Ausbürgerung aus der türkischen Staatsangehörigkeit) nicht erfüllt werden. Liegt unserem
Ministerium ein entsprechendes Dokument vor, das den Grund der Ablehnung aus der Welt schafft,
steht
der Erfüllung der Forderung nichts im Wege.“
Es ist nicht erlaubt dieses Dokument zu kopieren, man bekommt ein Ersatz-Dokument. Die Gründe der
Ablehnung stehen in dieser „Bescheinigung zur Vorlage bei der zuständigen Behörde“. Das „Schicksal“
des „türkischen Mannes“ aus der Perspektive der Türkischen Republik besiegelt steht in diesem
Dokument: „Hiermit bescheinigen wir, dass Herr X … gemäß Beschluss des türkischen Innenministeriums
nicht aus der türkischen Staatsangehörigkeit entlassen werden kann, da er wegen nicht geleistetem
Militärdienst gesucht wird.“ Der Konsul signiert diese Bescheinigung und informiert damit den
„Auslandstürken“ offiziell, dass er in der Türkei als fahnenflüchtig gesucht wird.

Laut § 20 des Staatsangehörigkeitsrechts der Türkei gilt man dann de facto als illegal. Dies trifft
nicht nur die „Auslandstürken“, wenn sie sich weigern, die Kopfgelderpressung der Türkei
hinzunehmen, sondern auch diejenigen, die aus anderen Gründen, zum Beispiel Ökonomisch nicht in der
Lage sind, das Kopfgeld zu zahlen. Auch so wird der „Auslandstürke – auch nach 30 Jahre
ununterbrochenen Aufenthalt in Deutschland - zwischen dem scharfe Schere der immer noch als
Militärherrschaft geltende Türkei und Deutsche Regelungen, die wesentlich nach rassistischen und
ökonomischen Kriterien auch in Bezug auf die Einbürgerungsprozedur geschaffen ist de facto
kriminalisiert. So geht es mit der Kriminalisierung der „Auslandtürken“ auch, liebe Pluto..

Der Grund der Ablehnung der Ausbürgerungsforderung durch das Innenministerium der Türkei lautet
jedenfalls: „Als ein türkischer Mann bist du verpflichtet, dem ‚Mutterland‘ zu dienen. Du wirst
solange nicht aus der türkischen Staatsangehörigkeit entlassen, bis du das Kopfgeld bezahlst und 21
Tage unter der Militärherrschaft der Türkei verbracht hast.“ So wird der „Auslandstürke“ einerseits
als „fahnenflüchtig “ gesuchter Mann vom Generalkonsulat der Türkei als „Krimineller“ abgestempelt,
andererseits wird der Betroffene durch die Blockaden und Hindernisse der deutschen Gesetzgebungen
aufgrund seine ökonomische Schwächen dazu gezwungen „ILLEGAL“ zu leben.

Nach den geltenden rechtlichen Bestimmungen hierzulande hat er zwar in seinem türkischen Pass
weiterhin einen Aufenthalttitel, aber ohne gültigen türkischen Pass (als „Fahnenflüchtige“) hat
auch
eine Aufenthaltsberechtigung keiner Bedeutung. Ihm droht sogar deshalb – wenn er bei Kontrollen
erwischt wird – ca. 5000 € Busgeld wegen „Vergehen“!! Ist diese deutsch-türkische Praxis menschlich
oder gar selbst kriminell?
Selamlar, Saygilar
Zu diesem Thema antworten

Re: Bedelli Askerlik
Autor: Rayn
Datum: 08-09-07 00:35



Was willst du mit deinen langen Geschichten bezwecken? Irgendwo geht es auch kürzer, willst du mich
bekehren zu PKK?
Deine Propaganda kannst du für dich und deinesgleichen behalten, in diesen bösen bösen türkischen
Foren hat deine Scheiße nichts zu suchen.

In allen Ländern gibt es Wehrpflicht man kann nur froh darüber sein, das man sich in der Türkei als
Auslandstürke freikaufen kann. Es ist keine Kopfgelderpressung, es wird doch niemand gezwungen zu
zahlen, man kann den Wehrdienst normal ableisten. Du legst einen Eid auf die Türkei ab und damit ist
man fertig mit dem Problem.

Bei kurdischen PKK Asylanten gibt es wahrscheinlich private gründe.

Ich wünsche euch ein eigenes Land, aber weit weit weg von Deutschland und Türkei, weil eure Meinung
nicht konform zu diesen Ländern passt.



Zu diesem Thema antworten

Re: Bedelli Askerlik
Autor: Safak1
Datum: 08-09-07 22:06

Rayn Efendi,

Früher mussten hier Juden oder andre nicht Deutsche als Stereotyp für die Feindliche und
Rassistische Haltung der deutschen Bevölkerung herhalten, das Ergebnis ist auch dir bekannt. Warum
benutz Du PKK als Projektionsfläche für deine Denkblockaden..

Entweder hast du ein unheilbar Gesunde Menschenverstand oder durch bösartige Polemik hier mit
möchtest Du dieser Thema weiterhin als ein Tabuthema unter den "Auslandtürken" wissen. Mit
Unterstellungen, das ich PKKler wäre machst Du dich wirklich lächerlich.

„Ich wünsche euch ein eigenes Land, aber weit weit weg von Deutschland und Türkei, weil eure Meinung
nicht konform zu diesen Ländern passt.“

Nach dieser Logik würdest Dich wahrscheinlich auch hier für ein Militärstaat einsetzen wollen. Du
lebst nicht in der Türkei mein Freund.. Ich empfehle dir es nicht ausdrücklich, aber dass Du mit
dieser Haltung bei NPD Freunde finden kannst und dass dein Gedanken bei diesen Figuren besser
aufgehoben als in diesem Forum, sollte dir Bewusst sein. Oder denkst Du die Leute sind hier Dumm.
Dieses Forum bietet wenigstens Raum für die Belange und wirkliche Probleme der „Auslandstürken“
hierzulande. Bedelli Askerlik gehört dazu und zwar als ein der schmerzvolle Regelungen für tausende
Türken. Ich denke nicht, dass die Betreiber dieses Forums solche Ängste haben und als Handlager des
Generalstabs der Türkei fungieren. (Übrigens ich bin in Anatolien geboren und mein Muttersprache ist
Türkisch und war in mein bisherige Leben nirgendwo organisiert oder Anhängsel irgendwelche
Parteien.)

Überwinde einfach deine neurotischen Befangenheiten und übersteigerte Diaspora-Nationalismus und
ließ das Interview unten. Dieses Interview unten könnte vielleicht dir Helfen. Vielleicht bringt es
dich weiter und Du beginnst kritisch mit deiner Art der Selbstreflexionen auseinanderzusetzen
anstatt inhaltslos durch die Gegend zu schießen:

---------------------------------

Politikwissenschaftler Benedict Anderson:
"Es gibt einen Diaspora-Nationalismus"

Fern der Heimat entwickeln Gruppen oft einen rigiden Nationalismus, sagt Benedict Anderson. Aus der
Distanz ist es leicht, sich die alte Heimat passend zurechtzuträumen - das kann zu Problemen führen

INTERVIEW: ISOLDE CHARIM am 05.08.2007 (taz.de)

taz: Herr Anderson, "Die Erfindung der Nation", Ihr Buch über den Nationalismus, ist längst zum
Klassiker, ihre Definition der Nation als "imaginäre Gemeinschaft" zum geflügelten Wort geworden.
Wie schätzen Sie die Globalisierung ein, bedeutet sie nicht das Ende der Ära des Nationalismus?

Benedict Anderson: Das ist das, was viele Leute erhofften. Aber was tatsächlich geschieht, ist eher,
dass der Nationalismus seine Form verändert. Es ist nicht mehr unbedingt nötig, dass man in dem Land
lebt, an das man national gebunden ist. Man kann anderswo leben, und dann ist es oft so, dass man
nationalistischer wird als vorher. Ich glaube also, dass der große Wandel, den die Globalisierung
hervorruft, ein Wandel im Charakter des Nationalismus ist.

Heißt das, heute findet man paradoxerweise Nationalismus vor allem bei Diasporagemeinschaften?

Es gibt heute einen Long-Distance-Nationalismus jener Leute, die in anderen Ländern leben und sich
selbst als nicht völlig akzeptierte Minderheit fühlen. Das versuchen sie oft zu kompensieren durch
den Stolz auf das Land, aus dem sie kommen. Durch die Massenkommunikation ist das viel leichter
geworden. Man kann "heimisches" Radio hören, DVDs sehen, telefonieren, mit billigen Flügen Besuche
machen und so weiter. Das bringt ein Bild des Herkunftslandes mit sich, das sie emotional oft mehr
interessiert als das Land, in dem sie leben. Es gibt viele Beispiele dafür in Kanada, in Australien,
in England, in Asien.

Wie funktionieren solche Diasporagemeinschaften dann? Durch Abschottung? Sind das geschlossene
Gruppen?

Es hängt davon ab, wie das jeweilige politische System funktioniert. Oft partizipieren diese Leute
an der lokalen Politik und wissen gleichzeitig, dass sie keinen Einfluss auf nationaler Ebene haben.
Das heißt, sie müssen Allianzen mit anderen lokalen Gruppen eingehen. So etwas findet man häufig,
etwa in Kalifornien. Anders gesagt: Die Beteiligung an lokaler Politik holt sie raus aus den
geschlossenen Gemeinschaften. Aber wenn die nationale Regierung zu viel Macht hat und die lokale zu
wenig, dann passiert das genaue Gegenteil.

Kann die Differenz auch so beschrieben werden, dass der gängige Nationalismus große Einheiten,
gemischte, heterogene Gruppen hervorbringt, der Diasporanationalismus hingegen eher homogene
Milieus, Nischen?

Es gibt sicher viele Fälle, wo das zutrifft. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Ich habe einen Freund in
Australien, der Sikh ist. Er ist aus der lokalen Sikhcommunity ausgeschlossen, weil er weder langes
Haar noch Turban trägt. Es ist schwer für ihn. Aber er sagt: Wenn er nach Indien fährt, kümmert sich
niemand darum. Dort hat er keine Probleme. Die Sikhcommunity in Australien ist viel rigider, viel
engstirniger als die ursprüngliche Sikhgemeinschaft in der Heimat. Das ist ein sehr gängiges Muster.

In Europa sind die Diasporagemeinschaften eher durch eine gebrochene, gespaltene Identität bestimmt.

Da muss man sehen, wie sich das bei den nachfolgenden Generationen verändert. Die zweite Generation
mag noch eine gespaltene Identität haben, bei der dritten wird sich das verändern. Das wissen wir
noch nicht.

Sie haben geschrieben, Sie seien der Einzige, der über die Nation schreibt, ohne schlecht von ihr zu
denken. Ist dieser Long-Distance-Nationalismus, also einer aus der Ferne, nun etwas, das sie
begrüßen?

Man muss zwischen Mehrheits- und Minderheitsnationalismus unterscheiden. Das Positive am
Nationalismus ist: Du folgst den Gesetzen, weil es deine Gesetze sind. Du musst dazu nicht
aufgefordert werden. Der Grund, warum du es tust, ist, dass du zu dieser Gemeinschaft gehörst und es
deine Pflicht ist. Und das lässt sich natürlich viel schwerer aufrechterhalten, wenn jemand hunderte
oder tausende Kilometer entfernt ist. Sehr wichtig für den Charakter des Diasporanationalismus ist
die Art des Mehrheitsnationalismus. Denken Sie etwa an die niederländische oder die französische
Zurückweisung der europäischen Verfassung. Die Leute denken, dass ihre Politiker sich nicht
ausreichend auf die nationale Gemeinschaft beziehen, dass sie sich nur auf Brüssel beziehen und die
nationale Identität sekundär wird. Es ist aber sehr schwer, eine tiefe Loyalität zu Europa als
solches zu haben: Es ist zu groß, es ist zu kompliziert, und es ist zu undemokratisch. Die Nation
ist meiner Meinung nach die größte Einheit, die noch gewisse demokratische Formen haben kann.

Und was kennzeichnet den Minderheitsnationalismus?

Der entscheidende Unterschied ist die Abwesenheit von Verantwortung. Diese Leute wollen oft in ihren
Herkunftsländern politisch partizipieren, aber sie müssen sich nicht an deren Gesetze halten, sie
müssen keine Steuern zahlen, sie sind gewissermaßen eigenständig Handelnde. Personen, die solche
Long-Distance-Politik betreiben, müssen also nicht die Verantwortung für deren Folgen übernehmen.
Sie können glücklich anderswo sitzen und dies und jenes fordern. Und sie können manchmal einen
Einfluss gewinnen, der etwas besorgniserregend ist.

Aber muss diese Diasporasituation notwendigerweise zu solch einer Radikalisierung führen?

Nein, unter bestimmten Bedingungen kann es auch progressive Diasporagemeinschaften geben. Etwa die
Filipinos in den USA, die dort permanent leben und sich sehr in der Anti-Marcos-Bewegung engagiert
haben. Das Problem ist aber meistens, dass Leute, die anderswo leben, nicht genau verstehen, was in
ihren Herkunftsländern vor sich geht. Es ist leicht für sie, durch Träume zu leben - ohne das
Korrektiv der tagtäglichen Erfahrung.

Wobei es schwer zu sagen ist, was fortschrittlich ist. In den Niederlanden überlegt man die
Einrichtung islamischer Krankenhäuser. Wie würden Sie das einschätzen: Ist das nun fortschrittlich
oder nicht?

Was soll es genau bedeuten? Heißt das, die Ärzte müssen Muslime sein oder nur die Patienten?

Es heißt, die Patienten werden nach islamischen Vorschriften behandelt, vor allem was das Geschlecht
des gesamten Pflegepersonals betrifft.

Das klingt nicht sehr gut. Aber auf der anderen Seite gab es etwa jüdische Spitäler in den USA, die
nur für Juden bestimmt waren. Anfänglich waren sie sehr ausschließend, aber mit der Zeit wurden sie
offener und integrierten sich mehr in die Gesellschaft. Ich glaube allgemein, die Leute haben die
falsche Erwartung, dass solche Integrationen schnell stattfinden. Aber ich denke andererseits, dass
es nicht möglich ist, an einem Ort wie etwa Deutschland drei Generationen lang zu leben und so zu
bleiben, wie die Großeltern ursprünglich waren. Die Kraft der modernen Gesellschaft ist zu stark.
Man sollte also diese Art von Spitälern nicht ablehnen. Es ist besser, flexibel zu sein und zu
sagen: Wir werden sehen. Ein Freund, der kroatische Familien in Australien erforscht, zeigt auf,
dass die alte Generation sehr rechts, sehr abgeschlossen und engstirnig ist, die Kinder aber, die
australische Schulen besuchen, sehr zerrissen sind. Das erzeugt sehr oft einen Bruch in der Familie.
Die Kinder wollen Australier sein, während die Alten nostalgisch von ihrem Führer Ante Pavelic
schwärmen. Das Drama spielt sich oft innerhalb der Familien ab.






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